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Sagen rund um die Nordsee
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bruno
Rekrut


Anmeldedatum: 18.11.2006
Beiträge: 22
Wohnort: Heide

Beitrag[176412] Verfasst am: 15.03.2008, 20:10    Titel: Antworten mit Zitat

Und wie wäre es mit der Sage vom Roten Haubarg? Ihn hat "bekanntlich" der Teufel erbaut, und höchstselbiger sitzt inzwischen vor dem Gebäude in Form einer witzigen Metallplastik von Lothar Frieling. Übrigens sehenswert. Details zur Sage sind schnell im Internet gefunden.
Dann wäre noch die tragische Geschichte von Wessel Hummer, der einen dänischen König erschlug und seines Lebens nicht mehr froh wurde.
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VITALIER-
Maat


Anmeldedatum: 28.01.2008
Beiträge: 159
Wohnort: St. Peter-Ording

Beitrag[176440] Verfasst am: 16.03.2008, 15:10    Titel: Wogemänner - Von ehrbaren Geschäftsleuten zu rüden Piraten Antworten mit Zitat

Wogemänner - Von ehrbaren Geschäftsleuten zu rüden Piraten...

Wie alles begann...

Der Land- und Inselverlauf der Nordseeküste sah um das Jahr 1300 noch ganz anders aus als heute.
Es gab viel mehr Land und sehr viele Inseln in dieser Region.


Bild Uni Kiel…

Der Kampf mit dem „Blanken Hans“ (Eine Metapher an die nicht zu bändigenden Fluten), hat die Menschen hart und sehr zäh gemacht. Dieser harte Typ Mensch war an der Nordseeküste und auf deren Inseln sehr erfolgreich. Trotzten sie doch immer wieder den Wassermassen und brachten es mit der Landbestellung auf den fruchtbaren Marschböden und dem Handel mit ihren Waren über See zu einem beachtlichen Wohlstand.

Rungholt sah früher in etwa so aus wie heute St. Peter. Es gab laut historischer Karten kleine Wäldchen auf einer dünig-hügeligen Landschaft. Selbst der Name „Rungholt“ belegt diese Theorie.
Er stammt aus dem friesischen und heisst übersetzt „Niederholz“.

Alles war zur besten Zufriedenheit, doch am 15 Januar 1362 bahnte sich eine Katastrophe an, über die man noch nach Jahrhunderten reden sollte.
Die „grote Mandränke“ (Die Grosse Manntränke)…

Ein Chronist namens Anton Heimreich schrieb:

„Eine stürmische Westsee sei ca.2, 4 Meter über die höchsten Deiche gegangen und durchbrach 21 davon. Der Ort Rungholt zusammen mit sieben anderen Kirchspielen in den Uthlanden gingen unter und etwa 7.600 Menschen kamen um.
(Utlande nannte man die vorgelagerten Inseln und Marschen)
Heute weiss man, das über 36000 Menschen an der Nordseeküste, in dieser schweren Sturmflut ihr Leben liessen, erste Halligen im überschwemmten Wattenmeer entstanden und Husum zur Küstenstadt wurde…

Im Stadtbuch Schleswigs findet sich folgender Eintrag:

Anno MCCCLXII, am XVI. Tage des Januars, da war eine große Wasserflut im Frieslande, darin auf dem Strande 30 Kirchen und Kirchspiele ertranken.




Strande war eine sehr grosse Insel etwas nördlich von St. Peter-Ording. 1634 brach diese bei einer weiteren starken Sturmflut auseinander. Übrig blieben Pellworm und Nordstrand sowie die Hallig Nordstrandischmoor.

Alles war abgesoffen... Was nun?

Einige versprengte Fischer, Bauern, Händler und Seeleute von Rungholt rauften sich zusammen, um das Beste aus ihrem Elend zu machen. Sie hatten alles verloren-> Liebe Mitmenschen, ihr Hab und Gut, das Land, alles!
Aber ihr Leben, das hatten sie noch!
So zogen sie los, auf der Suche nach neuem Grund und Boden, um ihre Existenz und damit das Überleben zu sichern.

Dazu sei folgendes zu sagen… Es gab keine Versicherungen, keine Sozialhilfe und die Nächstenliebe der im Umland Überlebenden Nachbarn bestand nicht aus grosszügigen Spenden, sondern eher aus unmissverständlichen Gebärden, das eigene Hab und Gut unangetastet zu lassen und sich des Weges zu schleichen, wenn es sein musste durch erzieherische Massnahmen in Form von körperlichen Verweisen!

Es galt noch das Faustrecht. Das heisst, das Recht wurde dem Stärkeren zugesprochen! So ein Gesetz ist natürlich sehr dehnbar und nicht immer gerecht. Es kam zu Mord und Totschlag.

Doch von irgendetwas mussten die Wogemänner leben. Also zogen sie los und mutierten zu Piraten. Sie überfielen die Handelsschiffe, kleine Höfe, Alleinstehende Häuser, Reisende usw. und versteckten sich in menschenlosen Gegenden wie Buchten, Dünen oder kleinen unbewohnten Eilanden.

So erfolgreich sie auf/ in Rungholt waren, so „erfolgreich“ wurden sie auch auf ihren Kaperfahrten!
Sie nutzten ihren anwachsenden Reichtum aber nicht um Ländereien zu kaufen und in ihre alten Fussstapfen zu treten, nein…-> Sie liessen sich frech in Westerhever nieder, bauten an einer schwer zugänglichen Stelle eine Festung, die sogenannte "Wogemannsburg" und führten weiter fleissig ihre Raubzüge durch.
Überfielen, mordeten, klauten, entführten und versetzten so die ganze Umgebung in Angst und Schrecken.

Doch auch die Betroffenen waren zähe Gesellen und man kann sich vorstellen, dass es früher oder später zur Gegenwehr kommen musste…
Der Raub der eigenen Frauen sollte dann auch das „Fass zum überlaufen“ bringen.

Es war das Jahr 1370.
Der Staller „Ove Hering“ versammelte alle Männer der Umgebung zu einer kleinen Streitmacht und stürmte gegen diese Burg. Und zwar mit allem Zorn der sich in den Zeiten der „Wogemanns-Piraterie“ aufgestaut hatte…
Während dieses Sturmangriffs auf die Trutzburg der Wogemänner, öffnete sich plötzlich das Burgtor mit Zugbrücke und die wütenden „Eiderstedter“ überrannten die überraschten Piraten.

Ob nun vor dem Überfall ein Kontakt mit einer der Frauen in der Burg aufgenommen wurde um das Tor zu öffnen oder ob es nur Zufall war, entzieht sich meiner Kenntnis.
Fakt ist auf jeden Fall, das dieser „Verrat“ die Ära der zu Gangster gewordenen Rungholter beendete…

Ca. 60 festgenommene Piraten wurden zu einer Prielkante geführt und geköpft. Die Körper wurden bei der nächsten Flut als Fischfutter in die See geworfen.
Die Burg wurde zerstört und die Baustoffe in den Kirchturm recycelt um diesen zu stärken.

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Dieser Kirchturm hatte nicht nur die Funktion als Gotteshaus und Glockenherberge, sondern fand auch als Seezeichen seine Verwendung.


Die betroffenen jungen Frauen waren nun laut Sitte eigentlich geächtete. Doch wäre es dann um einen zukünftigen Nachwuchs schlecht bestellt gewesen.


Tracht aus damaliger Zeit…

Die Ordnung und Gesetzgebende Versammlung, "Landesthing" genannt, hat die Armen Frauen wieder für "ehrbar" erklärt, um sie von der Schmach zu befreien und damit einer Heirat nichts mehr im Wege stand.


Auf der Warft der ehemaligen Burg wurde im Jahre 1653/54 ein Haubarg errichtet, der den Namen "Wogemannsburg" übernahm. Bis 1930 diente dieser als Pastorat der Gemeinde.
Heute ist er in privatem Besitz.


Bild von 1970...

Noch heute findet man Fundstücke im Watt, die aus den damals zerstörten Häusern Rungholts stammen. Gegenstände wie Flaschen, Kacheln, Krüge, Münzen, Töpfe, Schädel und andere Knochen tauchen bruchstückhaft oder auch unversehrt wieder auf.



Wikipedia - Joachim Müllerchen

Veranstaltungstipp:

Um diese Geschichten weiterzugeben, findet jedes Jahr ein großes Wogemannfest statt.
Der genaue Termin steht im Veranstaltungskalender der Gemeinde Westerhever.

Link Tipps:

Die grosse Marcellusflut und die Mandränke in Wikipedia ->

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Mehr über die Landbewegung durch die Fluten an der Nordseeküste auf der „Page“ des „Geografischen Instituts“ der Universität Kiel ->

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Landkarte mit Satellitenbild -> Westerhever mit Kirche...

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Nimm das Leben nicht so ernst, lebendig kommst du da eh nicht wieder raus...


Zuletzt bearbeitet von VITALIER- am 16.03.2008, 15:35, insgesamt 6-mal bearbeitet
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VITALIER-
Maat


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Beiträge: 159
Wohnort: St. Peter-Ording

Beitrag[176441] Verfasst am: 16.03.2008, 15:14    Titel: Antworten mit Zitat

bruno hat folgendes geschrieben:
Und wie wäre es mit der Sage vom Roten Haubarg? Ihn hat "bekanntlich" der Teufel erbaut, und höchstselbiger sitzt inzwischen vor dem Gebäude in Form einer witzigen Metallplastik von Lothar Frieling. Übrigens sehenswert. Details zur Sage sind schnell im Internet gefunden.
Dann wäre noch die tragische Geschichte von Wessel Hummer, der einen dänischen König erschlug und seines Lebens nicht mehr froh wurde.


Ja, das ist Richtig...
Doch wollte ich nicht einfach nur reinschreiben das es dies und das gibt, sondern es etwas formvollendet, mit ein paar Fakten in einer Geschichte eingebettet offerieren... Winken Macht doch mehr Spass, oder? Smilie

(Auch wenn es etwas dauert)... Mit den Augen rollen Smilie
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sharkman
Kapitänleutnant


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Beitrag[176442] Verfasst am: 16.03.2008, 15:38    Titel: Antworten mit Zitat

@ VITALIER Danke für Deine ausführliche Geschichte über die "Wogemänner". Würde mich sehr freuen mehr über die Geschichte, Sagen und Legenden der Küste zu lesen. Deine "formvollendete" Erzählweise gefällt mir. Sehr glücklich Sehr glücklich Sehr glücklich
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bruno
Rekrut


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Beitrag[176451] Verfasst am: 16.03.2008, 20:25    Titel: Antworten mit Zitat

Na gut, Vitalier, hier die Königsmord-Geschichte, wie sie Mühlenhoff aufgeschrieben hat. Wer sich dann selbst die Mühe macht und nachprüft, wird herausfinden, dass es nicht mehr als eine hübsche Geschichte ist. Aber zum Gruseln reicht es, besonders wenn man den Schluss schön ausmalt.:

König Abel zog hinunter nach Eiderstede mit großem Heere und wollte die Friesen bezwingen. Die aber wehrten sich tapfer und schlugen ihn auf dem Königskamp. Als er nun fliehend den Milderdamm bei Midstedt vor Husum - Bruno) erreichte, war ein Rademacher von Nordstrand, Wessel Hummer, ihm vorauf geeilt und hielt sich in einem Siel, das unter dem Damme weg ging, verborgen bis der König kam; da sprang er hervor, fiel ihn von hinten an und spaltete ihm den Kopf mit seiner Axt, so daß er sogleich tot niederstürzte.

Mehrere Jahre nach dieser Tat befand sich Wessel Hummer einmal zur See. Da erhub sich ein gewaltiger Sturm, daß das Schiff dem Untergange nahe kam. Da gestand er, daß er ein Königsmörder und wohl der Jonas auf dem Schiffe sei, um dessentwillen See und Sturm tobten. Als nun weiter keine Rettung war, entschlossen sich die Schiffer und warfen ihn über Bord; sogleich legte sich das Unwetter.
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bruno
Rekrut


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Beitrag[176452] Verfasst am: 16.03.2008, 20:27    Titel: Antworten mit Zitat

Und noch ein Link für den Roten Haubarg:
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snowcat
Leutnant


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Beitrag[176508] Verfasst am: 18.03.2008, 12:26    Titel: Antworten mit Zitat

Vitalier und bruno,

danke für die tollen Geschichten, das könnte ich stundenlang lesen.
Also bütte bütte noch mehr davon!

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Dieter
Leutnant


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Beitrag[176692] Verfasst am: 20.03.2008, 18:14    Titel: Antworten mit Zitat

Da kann ich mich Snowcat nur voll und ganz anschließen. Sehr glücklich
Wahnsinnig interessant!

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Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. (A. de Saint-Exupéry)
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